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Wenn der Anstand der Gier zum Opfer fällt

6. Zwischenruf
28. März 2020

Gier und Raffsucht haben uns in die missliche Lage gebracht, von einem menschenverachtenden System wie dem Chinas abhängig zu werden. Rücksichtslosigkeit und das Fehlen jeglicher moralischeren Grundsätze waren Kompass und Leitmotive für eine Entwicklung, die das Streben nach unanständig hohen Gewinnen vorangetrieben hat. Gewinne zu erzielen, das ist die Absicht, die sich hinter jeder geschäftlichen Aktivität verbirgt und sie ist per se das Treibmittel einer erfolgreichen Wirtschaft. Nur sie ist in der Lage Arbeitsplätze zu schaffen, Forschung zu betreiben und gesellschaftlichen Wohlstand zu garantieren. So weit so gut. Wenn aber das Streben nach Gewinn der einzige Motor von Unternehmensphilosophien wird, dann löst sich die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit von der volkswirtschaftlichen Vernunft. Dann stellt man – leider meist zu spät – fest, dass Schlüsselbetriebe verkauft, ganze Produktionszweige verlagert und lebenswichtige Medikamente nicht mehr hergestellt werden können. Das alles, weil übliche Gewinne durch die Einsparung von Kosten zu unanständigen hohen Gewinnen mutierten. Jetzt sollen, durch staatliche Eingriffe garantiert, solche Schlüsselproduktionen im eigenen Land aufrechterhalten werden. Die Einsicht kommt gerade zu einer Zeit, in der ganz Deutschland Gefahr läuft, den Kampf gegen die Corona-Pandemie allein schon wegen fehlender Schutzmasken und Schutzkleidung zu verlieren.

 

Wer jetzt auf die großen Unternehmen deutet, der macht es sich zu einfach. Die einst selbstverständliche Kaufmanns-Ethik, nach der Zuverlässigkeit nicht nur von Lieferanten, Handwerkern und Dienstleistern gefordert wurde erschöpft sich bei vielen, wenn es darum geht, Zahlungsziele einzuhalten. Einzelhandel wie Gewerbetreibende aller Couleur haben nahezu unisono am 11. März ihren Zahlungsverkehr eingestellt – selbst wenn die Forderungen auf Rechnungen zeitlich vor der Katastrophe lagen. Fördermittel aus den Soforthilfe-Etats werden gierig abgerufen, obwohl noch genug liquide Mittel auf den Konten vorhanden wären. Viele scheinen jetzt ihre Chance zu wittern nicht mehr bezahlen zu müssen, dafür aber sofort kassieren zu können. Gier und Raffsucht wurden von der Corona-Krise bislang nicht tangiert.

Das beweisen gerade derzeit, stellvertretend für viele, drei Unternehmen, die sonst ungefähr um diese Zeit ihre Umsatz- und Gewinnrekorde aus dem Vorjahr feiern. Deichmann (Umsatz 2018: 5,8 Milliarden Euro – die Höhe der Gewinne verschweigt die Familie sicherheitshalber), PUMA (Umsatz 2019: 5,5 Milliarden € - Gewinn 262,40 Millionen €) und Markenprimus Adidas (Umsatz 2019: 23,6 Milliarden € - Gewinn 2 Milliarden € [=2.000 Millionen!]) protzten unisono mit ihren zuletzt veröffentlichten Rekordergebnissen. Heute haben sie, ebenso im Gleichklang, verlauten lassen, dass sie ab April keine Ladenmieten mehr entrichten werden. Sie nutzen damit schamlos den Schutzschirm, den die Bundesregierung für jene aufspannte, die ihre Miete wegen der Krise nicht mehr bezahlen können. Und genau da liegt der feine Unterschied. Leistungen nicht mehr bezahlen zu können, das drückt ein Schicksal aus. Dieselben nicht mehr zahlen zu wollen macht aus einem Unternehmer einen Dieb an der Gesellschaft.

Wenn der Finanzvorstand des VW-Konzerns Frank Witter gönnerhaft die Annahme von finanziellen Staatshilfen mit den Worten ablehnt: „Aus heutiger Sicht schließe ich das aus“, dann erhebt er den weltweit größten Automobilbauer in eine Sphäre moralischer Ehre, die ihm ebenfalls nicht gebührt. Denn zeitgleich schickt das Unternehme 80.000 Mitarbeiter in die Kurzarbeit, lässt sie vom staatlichen Kurzarbeitergeld leben und zudem auch 100 Prozent der Sozialabgaben von Vater Staat bezahlen. Was bitte schön ist das anderes als finanzielle Staatshilfe zu beanspruchen, sich auf Staatskosten zu sanieren. Diese Unternehmen stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass ein großer Teil der Wirtschaft immer noch nicht begriffen hat, dass ein Wandel in Sachen Ethik dringend erforderlich ist.

Es wird auch für so manchen kleinen Betrieb ein böses Erwachen geben, wenn der Staat die zu Unrecht abgerufenen Geldmittel samt Strafzahlungen zurückfordert und die Staatsanwaltschaften die Raffköpfe und Gierzähne wegen Fördermittelbetrugs zur Rechenschaft zieht. Schon jetzt sind die Anfragen nach Gesamtvermögen über Kontobestände durch staatliche Institutionen bei den Geldinstituten genauso sprunghaft gestiegen, wie die Anträge auf Soforthilfe eingegangen sind. Da gibt es dann diejenigen, die sich einbilden, dass „die in der Regierung“ gar keine Zeit hätten zu prüfen, weil sie in der Flut von Hilfeersuchen untergehen würden. Ihnen sei gesagt: Doch - die haben Zeit. Nämlich fünf Jahre, erst dann verjähren Straftaten, mit denen der Staat betrogen werden soll. Wer also darauf hofft, dass das Corona-Virus wenigstens die Raffsucht zügelt, die Rücksichtslosigkeit reduziert oder gar die Moral hebt, der muss wohl auf eine noch größere Katastrophe warten.

Wolfgang Lichtenegger

Herausgeber des VIT-Journal

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