LabeL3 Banner

Da wird der Mensch wieder zum Tier

7. Zwischenruf

30.3.2020

Wer glaubte, dass die Zivilisation den modernen Menschen zu einem besseren Individuum gemacht hätte, sieht sich in Krisensituationen meist getäuscht. Kaum belegt man Gesellschaften mit Ausgangsbeschränkungen, verfallen sie in die alten Gewaltrituale. Die Fälle häuslicher Gewalt nehmen zu weil sich testosterongesteuerte und meist auch noch alkoholgeschwängerte Vollpfosten nicht in der Gewalt haben. In China ist während der Ausgangssperre der Anteil an psychisch schwer geschädigten Personen aufgrund von Gewalteinwirkungen signifikant gestiegen. Denn plötzlich sind Flucht-Möglichkeiten versperrt. Der Weg zur Freundin oder heim zu den Eltern das alles ist nicht mehr möglich wenn der Partner hohldreht und sich über Frau und Kind hermacht. Die einseitige Geschlechterdarstellung sei erlaubt, denn der weitaus überwiegende Teil der Gewaltanwendungen im häuslichen Heim geht nun einmal von dem aus, was sich gemeinhin als der „Herr der Schöpfung“ bezeichnet.  So gaben in einer Pilotstudie 2004 des Bundesgesundheitsministeriums zwar 26 % der Männer an schon einmal (höchstens zwei Mal) Gewalt von der Partnerin erfahren zu haben. Keiner von ihnen gab an verprügelt oder zusammengeschlagen worden zu sein. Vielmehr erlitten sie Kratz- oder Bisswunden, wurden angerempelt oder weggeschubst. Da kommt das Tier zum Vorschein, das in uns schlummert, das wird derjenige, der auswärts gern das Wildschwein rauslässt plötzlich zum Hausschwein!  Dabei steckt hinter häufigem Macho-Gehabe ein frustrierter, verunsicherter, von Selbstzweifeln geplagter Mensch, der endlich die Schwächeren gefunden hat, die er drangsalieren und peinigen kann. Zivilisation hin, moderner Mensch her – die Gewaltbereitschaft der Individuen ist auch heute (oder gerade heute) wieder grenzenlos.

 

Ein anderes tierisches Verhalten zeigen Menschen, wenn es darum geht, den Futtertrog voll zu bekommen. Dabei reicht es im Zusammenhang mit Krisen auf mögliche Versorgungsengpässe hinzuweisen, schon überschlagen sich Mann und Frau gleichermaßen um ihre Einkaufswut zu stillen. Dass sich Einzelne dabei aus der Realität entfernen indem sie 50 Packungen Mehl und drei Einkaufswägen voll mit Toilettenpapier durch die Kassengasse manövrieren, zeigt, dass hier die Vernunft zu Hause an der Garderobe hängen geblieben ist. Welcher Wolf mag die wohl reiten, die rücksichtlos ihre Ellenbogen ausfahren um die letzten 20 Nudelpackungen noch in ihrer Einkaufshilfe zu verstauen. Frankfurt bestraft mittlerweile Einzelhändler, die das Hamstern zulassen, mit bis zu 25.000 Euro Bußgeld. Über die Sinnhaftigkeit, einen Ladenbesitzer zunächst zum willfährigen Schergen und bei Misserfolg sogar zum Täter zu machen, lässt sich trefflich streiten. In München patrouillieren Schwarze Scheriffs vor stark frequentierten Supermärkten um überfallartige Ausverkäufe zu verhindern. Wikipedia weiß, dass der Hamster (Cricetinae) zu den Wühlern gehört und dass die wenigsten der zwanzig bekannten Arten vom Aussterben bedroht sind. Der Lebensraum des Feldhamsters ist Mitteleuropa, gesichtet wird er überwiegend bei REWE, EDKA, ALDI, LIDL, bei Penny oder Netto und allen toilettenpapierführenden Drogeriemärkten. Das Verhalten ist dem frühzeitlichen Höhlenmenschen abgeschaut. Doch war es damals noch verständlich, weil schließlich das Futter für die Brut ganz einfach von Witterung und dem Wanderverhalten der Mamuts abhängig war. Da musste in die Scheuer – sprich Höhle - was gerade vorbeikam oder reif war. In einer Zeit, in der die Produktion von Lebensmittel (und Hygiene-Artikel) industrialisiert ist und auf Knopfdruck hochgefahren werden kann ist das Verhalten jener Jäger und Sammler unverständlich. Es sei denn, man gesteht ihnen zu, geistig in der Zeit der Höhlenmenschen verblieben zu sein.

 

Wolfgang Lichtenegger, Herausgeber des VIT-Journal

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Ablehnen