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Wenn Helden zum Saufutter werden

8. Zwischenruf
11. April 2020

In den Supermärkten arbeiten nur noch Helden, auf alle Fälle keine Mindestlohnbezieher. Die Lastzüge auf deutschen Autobahnen werden plötzlich von Helden gesteuert – nicht mehr von gestressten, unter Druck stehenden Lenkzeiten-Überschreitern. Pflegekräfte und Ärzte sind in den Heldenhimmel aufgestiegen, und keine überlasteten 36 Stunden Bereitschaftsdienste ableistende Gewinngaranten für deutsche Kliniken. Über Polizisten plant garantiert schon der erste Privatsender eine vielteilige Serie unter dem Titel „Helden auf Streife“. War es in Italien noch emotional, ehrlich und deshalb auch ergreifend, als die Tifosi um 12 Uhr mittags an offenen Fenstern und Balkonen ihren Helfern applaudierten, so gibt sich das deutsche Heldenepos durch die inflationäre Verwendung der Heroen selbst der Lächerlichkeit preis.

 


Dass Markus Söder den Pflegekräften einen steuerfreien Belohnungsscheck ausstellt, ist da schon griffiger wenngleich seine Ankündigung mit den Worten „wir in Bayern tun etwas, wir reden nicht nur“ gleich wieder den schalen Beigeschmack des populistisch, nach Gefälligkeit heischenden Politprofis aufkommen lässt. Willfährig stimmt die Bevölkerung bei – ja bestimmt auch Sie - applaudiert und fordert lauthals, dass man diesen Menschen doch schon immer viel mehr Geld hätte zahlen sollen. Aber sind die, die dies so heldenhaft fordern auch bereit im Monat vielleicht auf netto 30 oder 50 Euro zu verzichten um über höhere Krankenkassenbeiträge das Mehr an Lohn für Pflegende und Ärzte zu finanzieren? Oder sind sie wie jene Ungläubigen, die immer dann, wenn Gefahr für ihr eigenes Wohlergehen droht urplötzlich die Kirchen füllen? Wie wäre es, würde der Staat bei diesen Helden ganz einfach auf die Hälfte der Lohnsteuer verzichten? – Klar, im Endeffekt fehlen dem Gemeinwesen dann auch Einnahmen, die der Staat braucht um seine üppigen Geldgeschenke in Form von allerlei Hilfszahlungen und sozialen Absicherung zu leisten. Nur weil dem Einzelnen nicht in die Tasche gegriffen würde wäre die Akzeptanz dieser Maßnahme sicherlich leichter zu vermitteln. Alles Lug und Trug meinen Sie, schließlich sei der Staat zur absoluten Steuergerechtigkeit verpflichtet. Das mag sein. Doch wenn es er Staatsräson dient sind auch eherne Grundsätze schnell über Bord geworfen. Warum nicht einmal zu Gunsten unserer Helden?
Eine ganz andere Art der Heldenverehrung leistete sich die Deutsche Demokratische Republik. 1950 stiftete der Bauern- und Arbeiterstaat den Titel „Held der Arbeit“. Der war immerhin mit 10.000 DDR-Mark dotiert und bei weitem nicht so sinnentleerend im Einsatz wie derzeit in der Corona-Krise. Der DDR-Held war auf 50 Verleihung pro Jahr beschränkt. Ich käme mir als Betroffener, besser als Zugehöriger dieser Risikogruppe gelinde ausgedrückt, ganz schön verarscht vor, wenn ich für die tagtägliche Maloche nur deshalb zum Prekariat zugehörig wäre, weil mich der Mindestlohn weder ein verlässliches Auskommen mit dem Einkommen erlauben, sondern zugleich meine zukünftige Altersarmut als Lebensabschluss-Programm bereithalten täte. Wenn ich auf überfüllten Parkplätzen in der Kabine meines Lastwagens schlafen und ganze Wochenenden vor Güterverteilzentren ausharren müsste, weil ich freitags eine halbe Stunde zu spät am Zielort angekommen war. Wenn ich die Überstunden im Seniorenheim, die jedermann für selbstverständlich erachtet, nicht mehr aufschreiben dürfte (und selbstverständlich auch nicht bezahlt bekäme) weil der von der Regierung festgelegte Verteilschlüssel einfach nicht mehr Geld für die Arbeit vorsieht. Oder wenn ich als Arzt für meine irren Arbeitszeiten auch noch dem Neid der Gesellschaft ausgesetzt wäre und mir als vermuteten Besserverdiener den Spitzensteuersatz an den Hals wünscht. Was also soll dieser Heldentaumel, den die Gesellschaft erfunden hat und die Journaille eifrig nachplappert? Wollt ihr wirklich alle miteinander in ein paar Monaten an diese hohlen Phrasen erinnert werden?

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