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Figaro, Figaro, Figaro …

9. Zwischenruf
5. Mai 2020

Seit heute weiß ich, dass in diesem Land die Prioritäten ganz anders gelagert sind, als dass wir es in der Schule, in der Erziehung in unserem Leben als Mitglied der Gesellschaft bisher geglaubt hatten. Es ist nicht die Existenz des Individuums, das im Vordergrund steht, es ist nicht das Wohlergehen des Kollektivs, das in anderen Staatsformen jahrzehntelang propagiert wurde, es ist nicht das Gesundsein oder -bleiben, welches wir so gerne in den Vordergrund stellen. Nein! Es ist in aller erster Linie der Frisörbesuch und an zweiter Stelle der heiß ersehnte Jahresurlaub. Das alles hat so wenig mit Gesundheit zu tun, wie der Schweinebraten mit einem Erdbeereis, ist aber den Deutschen ungeheuer wichtig. Zumindest kommt man zu diesem Schluss, wenn man einen Abend nach der Öffnung der Figaros die Nachrichten über dieses epochale Ereignis und die Statements der Kunden in den Nachrichten anhören musste. In Schwerin beispielsweise, öffneten die Haarschneider bereits um eine Minute nach Mitternacht, so dringend warteten die Delinquenten auf die Schur ihrer siebenwöchigen Haarpracht. Frauen sprachen von „nur noch schwer auszuhaltenden Zuständen“ – Männer von „kaum mehr abzuwartenden Maßnahmen“. Wohl gemerkt: Waschen und Föhnen, das ging auch in den vergangenen Wochen, die Sauberkeit ließ noch keine Flohnester entstehen, der Juckreiz, durch Nissen-Bisse verursacht, ließ sich durchaus im Zaum halten. Das Einzige, das litt war wohl das Schönheitsempfinden Einzelner. Ein lässliches Problem, wenn man dagegen den Infektionsschutz stellt, der vieles erforderlich machte, was jetzt langsam wieder vergessen werden soll.


Da fordern andere, dass man jetzt endlich sagen sollte, wohin denn die Reise in diesem Sommer gehen darf, soll oder muss. Das, so argumentieren sie, sei man der Gesellschaft, den Familien, den Kindern, den Großeltern und vor allem den freiheitlichen Grundrechten schuldig. Gern würde ich jeden Einzelnen von ihnen zurückfragen: Habt Ihr den alle einen –Knall? Wo bitte steht geschrieben, dass ein Jahr Urlaubspause zu psychischen Störungen, Verlust der Selbstachtung oder gar der Zeugungsfähigkeit führen würde?


Melinda Gates, milliardenschwere Philanthropin, Autorin, Geschäftsfrau und Ehefrau von Bill Gates lässt sich bezüglich der Corona-Krise mit den Worten zitieren: "Wäre ich Bürgerin von Deutschland, ich wäre schrecklich stolz". Damit meinte sie das das Krisenmanagement der Regierung und die Funktionsweise des Gesundheitssystems. Melinda Gates ist keine verzogene, verwöhnte Business-Frau, sondern vielmehr ein Mensch aus der Mitte des Volkes. Als Mädchen musste sie fremde Wohnungen putzten um ihren Geschwistern und sich selbst den Besuch des Colleges zu ermöglichen. Melinda Gates ist aber auch eine Frau, deren Horizont weiterreicht, als der jener Dumpfbacken, denen die Haarpracht oder das anvisierte Reiseziel wichtiger sind als gesellschaftlicher Zusammenhalt und das Vermeiden von gesundheitlichen Risiken.

 

5.000 demonstrierten am Wochenende auf dem Wasen in Stuttgart gegen die Einschränkung ihrer Grundrechte, 7.000 werden am kommenden Wochenende erwartet. Sie taten und sie tun dies ohne Mundschutz und ohne Abstandsregeln. Was wollen sie damit eigentlich dokumentieren? Die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen, die eigene Dummheit, ihren Mut, gegenüber einem Staat aufzubegehren, der seine Pflicht wahrnimmt und Maßnahmen ergreift, die der Gesundheit seiner Bürger dient? Vernünftige Diskussionen um eine geordnete Rückkehr zur Normalität zu erreichen sind wichtig, das Getöse wegen verlorener Grundrecht greift aber kürzer als die Haarpracht jener jemals sein dürfte, die es als Erlösung darstellen, endlich geschoren zu werden. In einer Demokratie zu demonstrieren ist einfach und gefahrlos. Und wenn der Anlass noch so schwachsinnig ist, muss man nicht mit der Gefahr rechnen, die in wirklich autoritären Staaten jederzeit zu Verhaftungen, Folter, ja sogar zum Tod führen würde. Dass sich diese Tausenden in einer solchen Situation der Gefahr aussetzen würden, davon ist wohl kaum auszugehen – es wären nämlich dann gerade diejenigen, die den Schwanz einziehen und sich in ihren Löchern verkriechen würden.
Auch wenn Heinrich Heine sein Gedicht über Deutschland aus einer anderen Motivation schrieb, so kann ich jetzt nachvollziehen was die Anfangszeilen seiner Strophen für uns heute für eine Bedeutung haben: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht …“

 

Wolfgang Lichtenegger
Herausgeber des VIT-Journal

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